Bedeutungsaufladung von Popmusik im soziokulturellen Kontext
Popmusik ist mehr als nur Musik. Im soziokulturellen Kontext können einzelne Songs eine stark symbolträchtige Bedeutungsaufladung erfahren. Gemeint sind hierbei weniger offensichtliche Hymnen zu bestimmten Ereignissen, wie z.B. "Blowin' In The Wind" (Friedensbewegung der 1960er), "Wind Of Change" (Mauerfall) oder meinetwegen auch "Candle In The Wind" (Lady Diana). Vielmehr geht es um Songs, die erst nach Ihrer Entstehung durch mehr oder weniger Zufall eine symbolische Bedeutung bekommen haben. In der Werbung sollte die Symbolkraft von Musik gezielt genutzt werden ? sollte! Ob das die Leute der Werbeagentur von Hewlett-Packard auch getan haben, als sie den Song für den HP TouchSmart Spot herausgesucht haben?
Manche machen es sich offenbar zu leicht, indem sie die Symbolkraft bzw. den semiotischen Bezug zum Produkt lediglich in den Titeln und Lyrics der Songs suchen. Im Falle von HP schein der Song für den Unwissenden gut zu passen: hier hört man Joan Jett singen "Do You Wanna Touch Me" und sieht dabei den Touch Screen des neuen HP-Computers. Problematisch wird das erst, wenn man weiß bzw. durch einfachste Recherche (ein Klick in Wikipedia reicht aus) feststellt, dass der Song von Gary Glitter stammt, der wegen Kindesmissbrauch zu mehr als zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Gretchenfrage: hören Sie Musik, die Ihnen gut gefällt, auch wenn Sie den Sänger nicht leiden können?
Levi's startet einen weltweite relaunch Kampagne für die Kult-Jeans Levi's 501. Im Mittelpunkt der voll integrierten Kampagne steht der Londoner Punkrocker Josh Beech (Frontmann der Londoner Punkrockband Snish). Offenbar (oder zumindest angeblich?) sind die Anzeigenmotive so unwiderstehlich, dass sie nun in einer Nacht-und-Nebel von Fans geklaut wurden. Den "Tatort" mit den gestohlenen Motiven kann man hier bewundern.
Höher kann ein Rezipienten-Involvement wohl nicht sein. Falls die gestohlenen Postermotive jetzt in einer Londoner Punk-WG hängen sollten wäre der TKP wohl entsprechend auch nicht zu toppen. Auf der anderen Seite bietet diese Tatsache an sich schon Stoff genug für eine grandiose PR-Kampagne: "Levis?s ist wieder cool ? sau-cool!"
Nimmt man Levi's die Punkrock-Attitüde wirklich ab? Ich denke schon. Die neue Kampagne gliedert sich "double stiched" nahtlos an die bisherigen Werbekampagnen an.
Gorny zeigt's: Die Musikwirtschaft kommt vom alten Denken nicht los
Es ist Popkomm-Zeit und so stellt die Musikindustrie wieder einmal gebetsmühlenartig ihre veralteten Themen auf die Agenda. Für besonders kontroverses Echo sorgen dabei die neuesten Verlautbarungen des Viva-Gründers und derzeitigen Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbandes Musikindustrie, Dieter Gorny. Er schlägt vor, dass man für Raubkopierer ein Punktesystem nach dem Flensburger-Modell einrichten solle. Wer eine bestimme Anzahl an Punkten erreicht hat, dem soll das Internet abgestellt werden:
Bei solchen Vorschlägen ist es schwierig sachlich zu bleiben. Allerdings kann man hier einschlägige Leserkommentare lesen, die insgesamt einen klaren Tenor haben.
Hier nur einige meiner Fragen:
Internetprovider sind Privatunternehmen, warum sollten sie ihren Kunden die Verbindung kappen? Wer würde den Internetprovidern die Umsatzausfälle ersetzten? Wir leben in keinem totalitärem Staat!
Wie sieht es bei Familien oder WGs aus, in denen eine Person illegal Musik runterlädt? Soll es nach Gorny hier zu einer modernen Form der Sippenhaftung kommen?
Wie sieht es bei Raupkopieren aus, die sich die Musik illegal am Firmenrechner runterladen? Der Firma das Internet kappen?
Wie soll sich das mit dem Grundgesetz vereinbaren lassen? Auf welcher rechtlichen Grundlage sollte man jemanden den Zugang zum Internet verbieten können?
Ein Schuss aus der Hüfte zur Popkommeröffnung?
Es wird schnell deutlich, dass man den Internetzugang nicht mit einem Führerschein vergleichen kann. Die Fahrerlaubnis ist ein Verwaltungsakt. Sie stellt eine behördliche Genehmigung zum Führen von Kraftfahrzeugen auf öffentlichen Straßen dar. Somit kann diese Genehmigung im Gegensatz zum Internet auch von behördlicher Seite unter bestimmten Umständen wieder entzogen werden. Beim Internetzugang ist das aber eine ganz andere Sachlage.
Gornys Ansatz ist wieder einmal ein Beleg dafür, dass die veralteten Paradigmen der Musikwirtschaft der 1990er immer noch nicht über Bord geworfen wurden. Anstatt sich auf neue Geschäftsmodelle zu konzentrieren und somit neue Erlösquellen zu sichern wird immer noch die aussichtslose Jagd auf Raubkopierer betrieben.
Eines noch zum Schluss: es ist klar, dass ich Raubkopierer in keiner Weise moralisch unterstützen will. Es geht viel mehr um intelligente Lösungen für die großen Herausforderungen im Musikgeschäft.